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Kinder an der Grenze

Im Titel des Beitrags verbirgt sich ein kleines Wortspiel: Willmars, ein Dorf in der Rhön, lag nicht nur unmittelbar an der einstigen „Zonen-Grenze“, auch der Name Rhön geht auf das keltische Wort roinos/rainos zurück, was so viel wie Grenze oder Grenzhügel bedeutet. Und viele der Kinder, die der intensiven pädagogischen Betreuung im Heim Nicolhaus bedürfen, haben gewisse Verhaltens-Grenzen überschritten. Gegründet wurde die Einrichtung 1884 als „Kleinkinderbewahranstalt“, schon 1887 erfolgte die Erweiterung zu einer „Mädchenrettungsanstalt“. Heute bietet das Haus 48 überwiegend heilpädagogische Plätze. Einzigartig ist die Integration der Kinder und Jugendlichen in das Dorfleben: „Die Kinder können in Vereinen wie Fußball-, Feuerwehr- und Musikverein aktiv sein. Die Bewohner, oft Familien mit eigenen Kindern, fördern und helfen durch vielfältige und menschliche Weise dabei, den uns anvertrauten Kindern ein intaktes Lern- und Lebensfeld zu bieten. Freundschaften mit den Dorfkindern werden gefördert, bei Aktivitäten werden die Kinder des Nicolhauses stets einbezogen“, so der Heimleiter.

Heuss beim Mütterdienst

Elly Heuss-Knapp, die schon 1952 verstorbene Gattin des damaligen Bundes-präsidenten, war eng mit Frau Dr. Antonie Nopitsch, der Leiterin des Mütterdienstes, verbunden. Nopitsch und sie hatten 1950 das Müttergenesungswerk mit Sitz in Berlin ins Leben gerufen (voller Name: Elly Heuss-Knapp-Stiftung, Deutsches Müttergenesungswerk). Die Schirmherrschaft hat seitdem die Gattin des jeweiligen Bundespräsidenten inne. Heuss-Knapp war hoch gebildet, vielseitig interessiert und politisch aktiv. Schon während ihres Volkswirtschaftsstudiums, das sie nach ihrer Lehrerinnenausbildung begann, hielt sie politische Vorträge. Als Frauen zur Wahl der Nationalversammlung 1919 erstmals in Deutschland das passive und aktive Wahlrecht erhielten, ließ sie sich aufstellen. Auch kirchlich war sie interessiert und engagiert; der Arzt und Theologe Albert Schweitzer, mit dem die Familie befreundet war, hatte das Ehepaar Heuss 1908 getraut, in den 20er Jahren war Heuss-Knapp in der Gemeinde von Otto Dibelius in Berlin aktiv.

Löhe-Feiern

Löhe war eine äußerst charismatsche Persönlichkeit und brillant in der Wortverkündigung. Aus dem ganzen Umland kamen Menschen nach Neuendetelsau, um seine leidenschaflichen Predigten zu hören. Seine Schrifen zur Glaubensunterweisung waren ebenso begehrt, wie sein Dienst als Seelsorger. Wort und Tat gehörten für den pietstsch geprägten Theologen untrennbar zusammen. Mit der Ausbildung von Diakonissen hate er in der Absicht begonnen, junge Frauen für den sozialen Dienst in ihren Gemeinden zu schulen. Dabei war eine lebenslange Bindung an die Gemeinschaf mit dem gleichzeitgen Verzicht auf Ehe und Familie ursprünglich gar nicht vorgesehen, etliche Diakonissen traten nach einer gewissen Zeit wieder aus und heirateten. Landesbischof Dietzfelbinger war unmitelbar vor seinem Amtsantrit selbst zwei Jahre Rektor der Diakonissenanstalt.

Hochhaus für Augsburger Schwestern

Die Ankunf einer Straßburger Schwester am 15. Oktober 1855 gilt als die Geburtsstunde der Augsburger Diakonissen, die – ebenso wie die Neuendetelsauer – in ganz Bayern tätg geworden sind. 38 Jahre später bezogen schon 138 Schwestern das neu errichtete Muterhaus, ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichten sie 1936 mit 589 Frauen. 2009 lebten gerade noch 70 Schwestern in der Gemeinschaf, die meisten schon im Ruhestand („Feierabend“). Doch ist das Werk der Augsburger Diakonissen damit nicht beendet. Auf der Internetseite des Diakonissenmuterhauses ist zu lesen: „Unsere Zukunf hat bereits in einem anderen Kontnent begonnen: In der ‚Ushirika wa neema‘ (‚Gemeinschaf der Gnade‘) am Fuß des Kilimanjaro in Tansania. Zwei Schwestern aus unseren Reihen haben im Jahr 1979 ein neues Muterhaus gegründet. Dort haben sich inzwischen 45 Schwestern den Regeln und dem Geist der Muterhausdiakonie verschrieben.“ Hauptaufgabe dort ist die Betreuung der vielen AIDS-Waisen.

Junge Hände helfen

Zu viel Arbeit, zu wenig Personal und zu schlechte Bezahlung – das Gesundheitswesen krankte auch damals schon. Die Pfegesätze der Kassen reichten nicht aus, um die Selbstkosten der Krankenhäuser zu decken, an Investtonen oder die Bildung von Rücklagen war vielerorts nicht zu denken. So suchte die Diakonie nach neuen Wegen, um junge, helfende Hände zu gewinnen. Positv sollte die Krankenpfege dargestellt werden, wie an diesem geschickt inszenierten Filmbeitrag leicht zu erkennen ist: Spritzige Tanzmusik, junge, atraktve Protagonistnnen und eine gezielte Wortwahl sollten „ansteckend“ wirken. Zehn Jahre vorher hate der Versuch, junge Mädchen für den Diakonissenberuf zu requirieren noch ganz anders ausgesehen. Hier ein Ausschnit aus einem Rundfunkaufruf von 1950: „Reich ist dieses Leben nicht an äußeren Gütern, sondern an Arbeit. Befriedigend ist es nicht, weil es eine leichte Erfüllung aller persönlichen Wünsche verspräche, sondern deshalb, weil die Diakonisse es lernt, über der großen Not ringsum, an die sie gewiesen ist, die eigenen Nöte und Probleme nicht so wichtg zu nehmen. Wie viele einsame Frauen leiden schmerzlich darunter, dass sie ihre Liebeskraf nicht an Mann und Familie verströmen können!“ Eindringlich wurde an die Hörerinnen appelliert: „Evangelisches Mädchen, kannst du es verantworten, wenn die Diakonie in unseren Krankenhäusern deshalb inneren Schaden leidet, weil du es nicht über dich bringst, deinen überlasteten Schwestern zu Hilfe zu eilen?“

Glocke für NeuguineaKain und Abel auf der StraßeMänner legen Hand anKirchentag LeipheimBilly GrahamKirchenburg an der GrenzeDen Lebenden zur UmkehrAlter RiterordenKirche im Zirkus

Martin Lagois und „Der Blick vom Kirchturm“

Er fuhr mit einem alten VW-Kombi über Sandpisten zu brasilianischen Indianers und berichtete aus dem Busch von Neuguinea, fotografierte wertvolle Skulpturen und Gemälde in Franken und filmte mit seiner 16-mm-Filmkamera das evangelische Leben in Bayern: Martin Lagois prägte die bayerische evangelische Publizistik wie kaum ein anderer.

Als Nachkomme von Hugenotten 1912 im altmärkischen Lagendorf (Sachsen-Anhalt) geboren, folgte er dem Beruf seines Vaters und studierte Theologie. Nach seiner Ordination führte ihn seine erste Stelle 1938 als Hilfsprediger zur damals noch sehr kleinen evangelischen Gemeinde in Rom. – Zu einer Zeit, in der „alle anderen in Deutschland sein und mitsiegen“ wollten, wie er es später einmal formulierte. Zwei Jahre darauf wechselte er nach dem Bürgerkrieg als Reiseprediger ins spanische Bilbao, bis er 1943 zum Wehrdienst einberufen wurde.

Nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft begann er zunächst als „Amtsaushilfe“ in Nürnberg, 1948 wurde er offiziell in den Pfarrdienst der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern aufgenommen. Robert Geisendörfer gewann ihn bald als Redakteur für den Evangelischen Presseverband mit der Aufgabe, Nachrichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben für das Sonntagsblatt und regionale BayernTageszeitungen zu schreiben. Aus Ärger über die mangelnde Professionalität einiger Pressefotografen begann Martin Lagois damals selbst zu fotografieren und erwarb sich rasch einen guten Ruf als ausgzeichneter Fotograf. Fortan reiste er mit Notizblock und Kamera für seine Artikel durch die fränkischen Gemeinden. Auch Kunst, Kultur und Soziales fiel in sein Metier.

Marie Flierl, die die Evangelische Bildkammer leitete, bat Lagois Mitte der 50er Jahre, bei seinen Reisen auch Filmaufnahmen mit einer kleinen 16-mm-Kamera zu machen. Die Idee für eine aktuelle kirchliche Zeitschau zum Austausch über das Leben und besondere Ereignisse in Gemeinden und Dekanaten war geboren.

In Analogie zum „Blick in die Welt“ – einer monatlichen Beilage zu den „Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern im Auftrag des Evang.-Luth. Zentralverbandes für Äußere Mission“ – wurde der Titel „Blick vom Kirchturm“ gewählt. Die Reihe sollte über die vielen Liebeswerke der Inneren Mission berichten. Dabei wurde die jeweils aktuellste Folge bei den Gemeindeeinsätzen der Filmmissionare von der Bildkammer als Vorfilm zum jeweiligen Hauptfilm gezeigt.

Die Reihe kam von Anfang an gut an und wurde vor allem von den ländlichen Gemeinden dankbar angenommen. Im Laufe der Zeit steigerte sich die Qualität, so dass Martin Lagois gebeten wurde, anlässlich des Evangelischen Kirchentages 1959 in München einen Film für das Fernsehen zu drehen. Das Bayerische Fernsehen stellte ihm den Redakteur Dr. Richard Dill mit einem neunköpfigen Film-Team zur Seite. Am Abend des 7. August 1959 verfolgte die gesamte Republik am Bildschirm den Film „Wo der Kirchentag zu Gast ist - Aus der Arbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern“ , der eine Brücke in die Zeit der Reformation schlug.

Es folgten weitere Produktionen für das Fernsehen, auch Reportagen aus dem Ausland. Martin Lagois bereiste Papua-Neuguinea, Tansania und viele Länder Süd- und Mittelamerikas und des Nahen Ostens. Neben dem Filmmaterial für die Sendeanstalten brachte er auch immer wieder Dias für die Evangelische Bildkammer mit und produzierte sogenannte „Tonbild-Schauen“: Dia-Serien mit einem Tonband, das – wie beim „Blick vom Kirchturm“ – meist von professionellen Sprechern des Bayerischen Rundfunks und des Nürnberger Schauspielhauses besprochen wurden. Diese Arbeit führte Martin Lagois – seit 1979 Träger des Bundesverdienstkreuzes – noch Jahre über seine Pensionierung hinaus fort. Eine dieser Tonbild-Schauen befindet sich auf der DVD – sie ist eine der wenigen, die Martin Lagois selbst besprochen hat.

Am 27. Januar 1997 verstarb Martin Lagois im Alter von 84 Jahren in seiner Wahlheimat Nürnberg.

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Martin Lagois 1967 bei der Vorbereitung einer Brasilien-Reise.
© epd-Bild/Bayern



Aus seinem umfangreichen Nachlass publizierte der Claudius-Verlag posthum den Bildband „Frommes Franken“, weitere Bilder sind im Online-Archiv des evangelischen Presseverbandes unter www.fotofranken.de zugänglich. 2008 wurde erstmals der „Martin-Lagois-Fotopreis“ ausgeschrieben, der im Zweijahresrhythmus herausragende Pressefotos aus dem Themenbereich Kirche, Religion und Soziales auszeichnet.

Artikel von: Rieke Harmsen, Christian Heller

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